BLICK AUS DEM FENSTER

Sonntagsgedanken

Wie gern schaue ich mit meinem Kind aus dem Fenster. Aus unserem Küchenfenster blicken wir in den Innenhof des Hauses. Für mich ein höchst ergreifender Blick nach draußen. Einen Moment lang wird es dabei ganz still, so still, als wären wir stille Teilhaber dieser blühenden Gartenlandschaft. So still, dass kaum ein Geräusch zu hören ist. In diesem stillen Moment lausche ich unseren Herzschlägen. Unsere Blicke schweifen hinaus in die Ferne – aus der Ferne lässt sich Vieles gut beobachten. 

Wir sehen den Efeu, der im Frühling an der roten Mauer des Fahrradschuppens emporrankt. 

Er scheint immer wach zu sein; beständig wie ein Fels, der in ständiger Angst leben muss, von einem Hobbygärtner entdeckt und wie Unkraut entwurzelt zu werden. Seine Stimme zu hören, die sagt: „Dieser ist auch Unkraut“.  Vielleicht hat er schlaflose Nächte. Vielleicht wacht er auch über die Bäume und Pflanzen, die aus ihrem Winterschlaf erwachen. Wie schön es ist, ihnen dabei zuzusehen, wie sie aufblühen! Wir können zusammen im Baum die dicken Tauben und alles, was da singt und springt, bestaunen. Mit offenen Augen träumen. Hier und dort sitzt eine Amsel im Baum. Für Laurenz klingen die Laute der Vögel noch alle gleich: „Kra, Kra, Kra“. Hier und dort sehen wir auch Menschen hinter ihren Fenstern. 

In dieser sonderbaren Zeit ersetzt der Blick aus dem Fenster für manche die Besuche von Freunden und Verwandten. Die Einsamkeit vergeht. Dazu schreibt Karl Krolov:

„Wer aus seinem Fenster schaut, ist nicht mehr einsam, mag es auch ein recht beiläufiger Anblick sein, der ihm geboten wird. Seine Aufmerksamkeit kann irgendeiner Sache nachgehen: Veränderungen, Zeichen, Figuren. Wer aus dem Fenster schaut, kann den Vexierbildern seiner Phantasie anhängen. Ohnehin wird jeder beim Blick durchs Fenster das sehen, was zu ihm gehört. 

Immer sieht der Träumer seine Wolke. Immer sieht der Verliebte die Erscheinung der Geliebten. Die Imagination ist rasch im Spiel. Und warum sollte der Dichter beim Blick nach draußen nicht seiner Muse ansichtig werden, wie sie auf den Lüften ruht, den Liebenden des Malers Chagall vergleichbar?“ 

Was sehen Sie, wenn Sie aus Ihrem Fenster schauen?


Text: Emil Schlichter

Fotos: Tobias Heymann und Ute Gödecke


Was sehen Sie aus Ihrem Fenster? Schreiben Sie uns Ihr Bild, Ihre Hoffnung in die Kommentare!

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