Sonntagsgedanken 26. April 2020

Schafswolle

Was ist denn das? Ein Wolkenmännchen im Gras – mit langem Hals, die Arme vor dem Bauch verschränkt, mit kurzen Beinen, den Rucksack auf Schulterhöhe im Gras abgelegt?

Natürlich nicht. Obwohl es ja was hätte, so ein Stück Wolke zum Anfassen im Gras …

Es ist auch keine Watte, nein, es ist fester, fettiger und gar nicht so weich wie man denken könnte: Schafwolle.

Begeistert lesen unsere Kinder die Wolle auf und pflücken sie aus den Büschen. Eine ganze Menge. Und ich bin so froh: Endlich mal wieder etwas, das die Kinder einfach anfassen können, aufheben, sammeln. Irgendwelche Bakterien werden schon dransein, schlimmstenfalls irgendwelche kleinen Insekten, aber nicht DAS VIRUS, jedenfalls mit höchster Wahrscheinlichkeit nicht.

Wir sprechen über die Schafherde, die hier offensichtlich entlanggelaufen ist. Und meine Gedanken wandern zum Thema des Sonntags: Gott, der gute Hirte.

In der Bibel wird Gott an mehreren Stellen mit einem Schafhirten verglichen. Ein schönes Bild, hier auf der großen Wiese. Allerdings bedeutet es im Umkehrschluss: Wir Menschen, also auch ich, sind wie Schafe. Und Schafe sind zwar irgendwie süß und harmlos, aber eben auch unförmig und ein bisschen dumm. So ein Schaf will ich nicht sein!

Aber es gibt ja auch die anderen Schafe: Shaun, das Schaf zum Beispiel: weder dumm noch brav, sondern abenteuerlustig, ungehorsam, erfinderisch, gutherzig und einfach sympathisch. Oder die Schafe von Glennkill, einem krimihaften Roman von Leonie Swann: Eine Schafherde, die den Mord an ihrem Schäfer aufklärt. In diesen Geschichten haben die Schafe ein Gesicht. Sie haben Charaktere. Es gibt schlaue, schöne, verfressene, dumme, feige, starke, mutige, wie bei uns Menschen auch. Wenn ich mich in die Geschichten dieser Schafe hineinbegebe, erscheint es nicht mehr so abwegig, mich mit einem Schaf vergleichen zu lassen. Ich wäre gerne Shaun oder Miss Maple, das Detektivschaf.

Und noch etwas wird in diesen Geschichten deutlich: Ein guter Hirte ist einer, für den Schafe nicht Mittel zum Zweck sind, etwa als Schlachtvieh. Ein guter Hirte ist einer, der aus Leidenschaft Schäfer ist. Einer, der sein Leben mit den Schafen teilt, der jedes Schaf mit Namen kennt, der weiß, welche Pflanzen es besonders gern frisst, welche Geschichten es liebt und wo es gekrault werden will, einer, der zusammen mit seinen Schafen einen Traum träumt, den Traum eines vollkommen, ungeteilten und heilen Lebens.

Ein guter Hirte ist einer, der seinen Schafen dazu verhilft, das tun zu können, was sie am besten können und am liebsten tun: grasen. Manchmal empfinden die Schafe das Grasen als Arbeit. Manchmal denken sie, sie tun das nur, um ihrem Schäfer zu gefallen. Aber wenn sich die Welt plötzlich ändert, wenn andere Schäfer die Herde übernehmen, Zäune aufstellen statt aufzupassen oder gar die Weide wechseln, wird den Schafen klar wie gut es ihnen ging. Wie der alte Hirte ihnen den Rücken freigehalten hat, wie er sie bewahrt hat vor allerlei Gefahren. Und wie er jedem einzelnen von ihnen ermöglicht hat, es selbst zu sein und seinen Platz in der Herde zu finden. Und das gar nicht durch spektakuläre Aktionen, sondern durch die schlichte Begleitung im Alltag.

Darum wird Gott mit dem Hirten verglichen: „Der Herr ist mein Hirte. Mir wird es an nichts fehlen.“ (Psalm 23,1) Darum sagt Jesus im Johannesevangelium von sich: „Ich bin der gute Hirte.“ (Johannesevangelium 15,14) Jesus, der gute Hirte, ist Hirte aus Leidenschaft. Er setzt alles daran, seinen Schafen Lebensmöglichkeiten zu eröffnen. Er gibt Ihnen Raum, sie selbst zu sein, ihrer Bestimmung gemäß zu leben.

Als Schaf heißt das: grasen, in der Sonne liegen, schlafen und seinen Platz in der Herde haben.

Als Mensch heißt das, angenommen zu sein als die, die man ist, als der, der man ist. Bestärkt zu werden in den eigenen Gaben, getragen zu werden, wo man schwach ist.

Bei diesem Hirten bin ich willkommen, wertgeschätzt, behütet und frei. Zu ihm kann ich zurückkehren, wenn meine eigenen Vorstellungen von Hut und Obhut nicht getragen haben. Er geht mir nach, wenn ich hoch hinauswollte und den Weg zurück nicht mehr finde. Er leitet mich mit seinen Augen, die mich voller Liebe anschauen, mit seiner Stimme, die nicht müde wird, meinen Namen zu rufen, mit seinen Händen, die tragen, wenn die Kraft zum Laufen fehlt.

Ein Schaf, das diesem Hirten folgt, ist alles andere als dumm und unfrei. Denn unter der Hut Jesu Christi zu leben heißt: behütet frei zu sein, erkannt zu werden, die Wahrheit zu lieben, füreinander einzustehen und das Leben zu genießen. Ungefähr wie Shaun und Miss Maple.

Wir nehmen die Schafwolle mit nach Hause und basteln Schafe daraus. Fühlt sich gut an.

Text: Insa Rohrschneider

Fotos 1-3 Anne-Kathrin Stöber/Foto 4 Insa Rohrschneider

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