Mutgeschichte IV

Ostereinkauf in einem großen Supermarkt – empfehlungsgemäß am Mittwoch vor Ostern. Damit nicht ALLE am Gründonnerstag kommen. Ausnahmsweise mit dem Auto – es sind ja ein paar Tage, und wir kaufen jetzt seltener ein. Der Parkplatz ist voll. Ich stelle mich an die Seite, weil ich sehe: Da wird gleich was frei. Schräg hinter mir ein Mercedes C-Klasse Coupé. „Man!“ denke ich, „Mach‘ doch mal Platz, die müssen doch auch noch rauskommen, damit wir reinkönnen.“ Dann fährt endlich ein Auto raus, und bevor ich überhaupt reagieren kann, ist der Mercedes an mir vorbei – und ab in der Parklücke. Ich kann einen lauten Fluch und allerlei unschöne Titel nicht unterdrücken. Zum Glück sind alle Fenster geschlossen. Dann atme ich durch. Es war ein Autofahrer der Sorte „Opa“ – mit Oma auf dem Beifahrersitz. Vielleicht überblickt er die Lage nicht mehr so. Man muss sich ja auch nicht über alles aufregen. Endlich ein weiterer Parkplatz. Geschafft! Allerdings zeigt ein Blick auf den Eingang: Man kommt gerade nicht rein. 5-6 Leute vor mir. Ich stelle mich an und warte …


Drin scheint alles vergessen zu sein, was man draußen minutiös einhält. Die Gänge sind eng, die Menschen ungeduldig. Wehe, man ist schon hinten an der Regalreihe angelangt und merkt dann erst, dass man vorn noch etwas vergessen hat – und zurück muss. Am Kühlregal wird es vollkommen absurd. Ich stelle mich mit Abstand zu den Türen an, weil viele Menschen gerade Dinge aus den Fächern nehmen. Aber das interessiert gar keinen. Der Abstand auch nicht. Alle parken ihre Wagen irgendwo, eilen mit Scheuklappenblick zu den Türen des Kühlregals, nehmen Käse, Joghurt, Butter, Milch – „Nein, Hefe gibt es immer noch nicht! Vielleicht morgen.“ – und eilen zurück zu ihren Wagen. Und immer, wenn ich gerade denke, jetzt kann ich – mit genug Abstand und Respekt – witscht mir eine andere Person dazwischen. Schließlich mache ich es ebenso, sonst stehe ich hier bis St. Nimmerlein.

„Warum gucken wir einander nicht an?“, frage ich mich. In einem anderen Supermarkt der Stadt erlebe ich es anders. Da verständigen viele von uns sich mit Blicken, versuchen aufeinander zu achten. Hier ist es wie die berühmte „heiße Schlacht am kalten Buffet“, von der Reinhard Mey einst sang. Aber es ist nicht lustig, es geht auch nicht nur um’s Essen. Hier geht es um die Gesundheit – von uns allen und unseren Familien.

An der Kasse: Alles wieder geordnet. Klare Abstandhalter usw.


Ich trete aus dem Laden und atme auf. Nur noch die Einkäufe ins Auto. Und da steht er – der Mann vom Ordnungsamt. Stimmt, hier ist ja Parkuhrenpflicht. Die Schilder sind nicht zu übersehen – wenn man nicht durch Ärger und Ungeduld abgelenkt ist. Gerade fotografiert er mein Kennzeichen. „Sch… !!!“ denke ich, „Auch das noch!“ Aber ich bin zu erschöpft, um mich schon wieder aufzuregen. „Da haben Sie mich erwischt“, sage ich schicksalsergeben zu dem Mann: „Tut mir leid, ich hab’s einfach vergessen.“ Er guckt mich an und sagt: „Na, da sind Sie ja gerade noch rechtzeitig zurückgekommen.“ Und es entspinnt sich ein kleines Gespräch. Ich erzähle von meinem Ärger, er von seinem. Wir sind uns einig, dass die Nerven gerade überall so blank liegen – und dass es uns Sorge bereitet und ratlos macht, dass das so viel Aggression auslöst.


Am Ende sagt er noch einmal: „Sie waren ja beizeiten da.“ Ich komme also ungeschoren davon. Als ich einsteige, merke ich: Das Licht hatte ich auch angelassen. Na ja: Ich war ja beizeiten da. Und während ich um die Kurve fahre, macht sich ein schönes Gefühl breit: Ich habe einem Menschen in die Augen geschaut. Wir haben einander wahrgenommen und ernstgenommen. Ich bin immer noch bedrückt, aber eben auch beglückt. Ja, ich war beizeiten da – und dieser Mann auch.

Text: Insa Rohrschneider

Foto: Tobias Heymann

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