Karfreitagsgedanken 2020


I Eisdiele

Es tut weh – Sonnenschein, warme Tage, sprießendes Grün und die Eisdiele ist verrammelt, die Stühle aneinander gekettet. Es ist April in Kassel, es ist die erste Woche, die Lust macht auf Sommer. Doch frage mich: „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?“ Picknick mit Decke, Grillen mit Freund*innen, Kaffeetafel im Schrebergarten… Nichts dergleichen. Lockdown, Ausgangssperre light, Beatmungsgeräte. Wir blicken dem Tod, dem Leid ins Auge.


Und es war die dritte Stunde, als sie ihn kreuzigten. Und es stand geschrieben, welche Schuld man ihm gab, nämlich: Der König der Juden. Und sie kreuzigten mit ihm zwei Räuber, einen zu seiner Rechten und einen zu seiner Linken.

Und zur sechsten Stunde kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. Und zu der neunten Stunde rief Jesus laut: „Eli, Eli, lama asabtani?“ Das heißt übersetzt: „Mein Gott, mein Gott, wozu hast du mich verlassen?“

(Die Bibel, Evangelium nach Markus, Kapitel 15,25-27.33-34)

II Familienzwist

Es tut weh – Eng ist die Wohnung im Mietblock, auf einmal ist es alles so klein. Weißrotes Flatterband rund um die Schaukel und die Sandkiste. Im Schlafzimmer telefoniert Mama –  und muss schon wieder los, Altenpflege. Papa sitzt am Wohnzimmertisch –  Kurzarbeit, die Fabrik steht still, will ja eh keiner Autos kaufen. Streaming läuft. Alle nerven sich, die Mama den Papa, der Papa die Tochter, die Tochter den Sohn, der Sohn die Kleinste, die Kleinste die Mama… Alle sehnen sich nach Luft.


III Jesus schreit am Kreuz

Es tut weh – Jesus windet sich unter den Schmerzen. Unter den Augen vermischen sich Tränen mit Blut. Er schreit seinen ganzen Schmerz, seine ganze Wut in diese Welt: Warum? Wozu? Was ist der Sinn hinter diesem Kreuz? Wozu, Gott? Wozu, liebender Vater? Was soll das, wo bist du überhaupt? Es tut so weh, es schmerzt, und Jesus blickt dem Tod ins Auge. 


IV Zukunftsangst

Ich habe Angst! Was kommt noch? Arbeitslosigkeit, weil die Wirtschaft zusammenbricht? Armut und Hunger, schlimmer denn je und an noch mehr Orten als zuvor? Ich habe Angst! Was kommt noch? Verführer*innen mit einfachen Antworten, die rufen: „Wir zuerst“, wenn es abwärts geht? Ich habe Angst! Was kommt noch? Todeszahlen, die ich mir nicht mehr vorstellen kann, und Städte die verwaist bleiben? Ich will doch Zukunft, Zukunft für uns, Zukunft für Kinder und ihre Großeltern, Zukunft für Träume — WARUM?


V Jesus schreit am Kreuz

Jesus schreit am Kreuz: „Eli eli lama asabtani – mein Gott mein Gott, wozu hast du mich verlassen?“ Er schleudert die Frage aller Fragen Gott entgegen: menschlich, allzu menschlich. Er schreit es wütend Gott hinterher, der so weit weg ist, wie noch nie.

Ich finde diesen Schrei mutig, weil er nach dem Sinn fragt: Nicht erschöpft aufgibt, sondern nach Zukunft und Leben hungert.

Text: Tobias Heymann

Fotos: Amrit Susoff und Tobias Heymann

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