Sonntagsgedanken 5. April 2020

Palmsonntag, 05.4.2020 – zu Mk 14,3-9 – von Claudia Barth

I Jesus zieht in Jerusalem ein

Die Bilder kennen wir alle: wenn nicht aus der biblischen Erzählung, dann von anderen Heilsbringern, die mannigfaltig auftreten und sich gerne feiern lassen. Alle jubeln dem Einen zu, während er in die Stadt einzieht. Für manche Zeitgenossen damals war auch Jesus nur einer dieser Vielen, die zumindest in den Augen der Römer nur Unruhe in die Stadt brachten. Und so kurz vor dem Fest können sie so einen schon gar nicht brauchen: Zu Pessach ist die Stadt so voll mit Pilgern, dass religiöse Sonderwege am besten gleich unterbunden werden. Für andere ist Jesus aber viel mehr. Sie sehen in ihm den versprochenen Heilsbringer, den Messias. Seine Worte und sein Handeln haben sie überzeugt, dass er das Reich Gottes hier auf der Erde begründen wird. Voller Erwartung begleiten sie seinen Weg. Sie erleben den triumphalen Einzug in Jerusalem mit, sehen die Begeisterung der Menge und hoffen darauf, dass Jesus nun seine Macht als Sohn Gottes zeigen wird. Alles lässt sich wunderbar an. Die Anhänger von Jesus sind überzeugt, dass zu diesem Passahfest alles anders werden wird. Denn Jesus ist in Jerusalem eingezogen. Jetzt wird sein Reich Formen annehmen. 

II Der Messias kommt – anders

„Lea! Shalom – da bist du ja endlich.“

„Miriam, wie gut, dich zu sehen! Ich muss dir unbedingt etwas erzählen.“

„Hast du ihn schon gesehen, Lea?“

„Du meinst Jesus? Ja, beim Einzug hier in Jerusalem, bei diesem unglaublichen Gedränge.“

„Ich bin so froh, Lea. Jetzt wird endlich alles anders! Wenn Jesus hier ist, dann sind wir die Römer bald los. ER wird alles anders machen.“

„Das glaube ich auch, Miriam. Aber mir ist trotzdem unwohl. Dieses Hosianna- Geschrei war mir etwas unheimlich. Die meisten Leute kennen Jesus doch gar nicht. Die sind einfach nur mitgelaufen.“

„Aber sie haben von ihm gehört! Es wird ja auch überall erzählt, dass er Lazarus auferweckt hat. Und die vielen Menschen am See satt gemacht hat. Und …“

„Ja, Miriam, das weiß ich doch alles. Aber ich frage mich, ob Jesus diese ganzen Erwartungen überhaupt erfüllen will. Z.b. die Römer vertreiben oder selber König werden. Ich habe das Gefühl, dass es ihm um was ganz anderes geht.“

„Lea, du hast es doch auch gehört und geglaubt: Jesus ist Gottes Sohn. Er ist der Gesalbte, unser Retter. Und bestimmt wird er alles tun, damit wir wieder in Frieden und Gerechtigkeit leben können. Und eben ohne die Römer. Deshalb ist er hierher nach Jerusalem gekommen. Das ist sein Weg.“

„Oh Miriam, ich wünschte, ich könnte auch so reden. Aber ich fürchte, Jesu Weg wird anders weitergehen als wir denken. Es ist gefährlich hier in Jerusalem. Die Römer sind nicht gerade zimperlich, wenn sie ihre gesellschaftliche Ruhe gefährdet sehen. Gerade jetzt zum Fest dulden die bestimmt keinen, der so einen Auflauf wie vor ein paar Tagen hervorruft. Und dann habe ich jetzt von dieser Begegnung in Betanien gehört. Das hat mich nochmal beunruhigt.“

„Was ist dort geschehen? Jesus war bestimmt heute dort.“

„Ja, gestern und heute wohl auch. Er war bei Simon dem Aussätzigen eingeladen. Und stell dir vor, da kam eine Frau – ich glaube aus Magdala -, die hatte ein kostbares Öl dabei. Und sie hat Jesus damit gesalbt als er dort bei Tisch lag. Mit dem ganzen Öl!“

„Ach du meine Güte! Das war bestimmt ein Vermögen, das sie da über ihn gegossen hat! Und Jesus? Wie hat er reagiert?“

„Jesus hat sie verteidigt! Tatsächlich haben sich die anderen Gäste mehr aufgeregt als er. Von wegen, das Öl hätte man doch verkaufen können und das Geld an Arme spenden und so. Sie haben die Frau wohl sehr beschimpft. Jesus hat die Frau beruhigt. Für ihn wäre es wie eine vorgezogene Salbung zu seinem Begräbnis. Und sie sollten sich mal nicht so aufregen; die Frau hätte ein gutes Werk an ihm getan. Andere haben erzählt, sie hätte sogar mit ihren Tränen seine Füße benetzt und mit ihren Haaren getrocknet!“

„Das wäre wirklich sehr mutig von ihr!“

„Jesus hat den schimpfenden Männern vorgehalten, dass die Frau mit mehr Liebe an ihm gehandelt hat als sie. Er hat es als Liebesdienst aufgefasst. Aber ich verstehe sein Wort von der Salbung zum Begräbnis nicht. Warum sagt er sowas?“

„Das hätte ich auch nicht erwartet. Du hast recht, Lea. So redet keiner, der in Kürze die Macht übernimmt und alles neu machen will. Und du bist sicher, dass Jesus das so gesagt hat?“

„Ja, ganz sicher. Er soll sogar noch gesagt haben: ´Den Armen könnt ihr jederzeit helfen, wenn ihr wollt. Aber Ich bin nicht immer bei euch.` Deshalb bin ich so unruhig.“

„Das hört sich fast wie eine Warnung an: Jetzt könnt ihr mir noch Gutes tun wie diese Frau. Aber bald geht das nicht mehr. Vielleicht müssen wir wirklich genauer hinschauen, Lea. Vielleicht ist der Weg, den er gehen will, ganz anders als wir dachten.“   Aber was sollten wir ohne ihn tun?

„Und vielleicht braucht Jesus mehr Menschen wie diese Frau. Die ihn mit Liebe auf seinem Weg begleiten. Und auch da sind, wenn dieser Weg anders als erwartet weitergeht.“

„Lea, Miriam! Kommt mit, ihr zwei! Jesus ist im Tempel und da soll große Aufregung sein …“

III Jesus kommt – kommen wir zu ihm?

Jesus ist seinen Weg gegangen. In Jüdäa und vor allem in Galiläa, am See Genezareth, hat er gewirkt. Geheilt, gepredigt, ermutigt. Jesus geht den Weg, den er vor sich liegen sieht. Trotz Ängsten macht er sich auf nach Jerusalem. Er ahnt, dass es ein Weg des Leidens werden wird. Immer wieder deutet er seinen Jüngern das an. Aber sie, die sie ihm so nah sind, sehen und verstehen nicht.

Die Frau in Betanien, die erkennt mehr. Sie sieht den Menschen Jesus auf seinem Weg. Und nimmt seine menschlichen Fragen und Ängste wahr. Im Lukasvangelium wird erzählt, dass die Frau weint. Sie spürt seine Not. Er leidet an dieser Welt, von der er ahnt, dass er auch durch sie leiden wird. Die Frau ist nach den Passionsgeschichten eine der ersten an seiner Seite, als er in Jerusalem ist. Sie geht seinen Weg des Leidens mit. Sie ist bereit, sich einzulassen auf diesen ungewissen Weg Jesu. Und vielleicht weint sie auch, weil sie schon die Trauer über den Verlust Jesu spürt. Er wird nicht so bleiben, wie sie ihn kannten.

Die Frau mit dem Öl handelt aus Liebe. Sie lässt sich anrühren von der Menschlichkeit Jesu. Seine Unsicherheit bringt sie dazu, menschlich zu handeln. Seine Kraftlosigkeit berührt und bewegt letztlich Menschen auf der Via Dolorosa menschlich zu handeln: die Frauen, die mit ihm weinen und ihm den Schweiß abwischen, Simon von Kyrene, der ihm das Kreuz trägt, die Frauen unter dem Kreuz, die bleiben. 

Die Frau mit dem Öl hat etwas verstanden von der Menschlichkeit Gottes. Viele Jünger taten und tun sich schwer damit, weil sie nur auf die Macht schauen, die was verändern soll. Aber im Weg Jesu scheint etwas anderes auf: die Ohnmacht verändert auch. In der Ohnmacht Jesu stellen sich Menschen an seine Seite, gehen mit, handeln menschlich. Handeln aus Liebe.

Diesen Gedanken will ich mit in die Karwoche nehmen. Der menschliche Gott, der ohnmächtig der Welt ausgeliefert ist, ist gleichzeitig mein Gott, der mich zum Menschen macht. Indem ich wie die Frau mit dem Öl aus Liebe am Menschen handele, erfahre ich die Gegenwart Gottes. Der Blick auf Jesu Leiden verwandelt mich – und erstaunt entdecke ich, dass Neues aufwächst. Gottes Reich wächst schon mitten unter uns, sein Reich der Liebe.

Seine Gegenwart begleite uns in diesen Tagen.

Amen.

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