Sonntagsgedanken – 29. März 2020

Helden? Menschen? Mut?

Ich bange, ich zittre, ich fürchte um die Zukunft, ich ertrage vieles nur noch schwer. Wo ist der Gott, der uns endlich rausholt aus dem Jammertal? Wo ist der Gott, der uns rettet? Wo ist Gott die Hoffnung? Wo ist die Stärke desjenigen, der alles so herrlich regieret? Die Welt ist grau, die Farben sind verschwunden, alles wackelt, wankt und vieles versinkt!

Foto: Heymann/privat

I Helden!

Der stechende Bruch von Desinfektionsmittel steigt bei jedem Atemzug in die Nase, routiniert verreiben die Hände die blassblaue Flüssigkeit über den Handrücken, den Daumen, die Fingerzwischenräume, die Fingerkuppen, die Handgelenke, die Innenflächen und das ganze nochmal. Eine fröhliche Stimme kommt um die Ecke vom Stationszimmer in das Patientenzimmer: sie strahlt, lächelt mit den Augen schaut kurz auf den Monitor und beginnt in der Kurve die Vitaldaten zu notieren: Puls, Herzfrequenz, Atemzüge, Sauerstoffsättigung; überprüft die Infusionen, alles korrekt eingestellt? Liegen die Zugänge richtig, kann die Dialyse arbeiten, läuft die Beatmung korrekt und regelmäßig? Mit Ruhe und unendlicher Liebe beginnt Schwester Katja den Patienten zu waschen, zu pflegen, mit Wattestäbchen und mildem Fencheltee den Mund reinigen, mit Balsam die Wunden pflegen und natürlich immer wieder entscheiden: Muss ein Arzt kommen? Kontrollblicke, Schwester Katja pflegt die Kränkesten auf Intensiv und schenkt ihnen Liebe, den Angehörigen Zuversicht und Wärme. Eine Heldin, ein Mensch.

Foto: Susoff/privat

II Furcht

Ich verzage. Ich verzage, weil ich mich eingesperrt fühle, weil ich nicht mehr weiß, wann es wieder normal wird, weil ich merke, wie eng die eigenen vier Wände sind, weil ich mich nach normalem Leben sehne, nach dem Stimmengewirr im Café, nach dem Gequietsche der Schaukel, nach den Wasserspritzern im Hallenbad.

Ich bange. Ich bange um unsere Zukunft, um das freie Europa, um eine Welt, die uns allen offen steht, ich bange um eine Welt, die solidarisch ist, um eine Welt, die Freiheit lebt. Ich fürchte mich vor dem Staat, der alles unter Kontrolle hat.

Ich fürchte mich, ich fürchte mich vor der ersten Nachricht, dass Freund*innen von mir erkranken, dass es meine Familie trifft, ich fürchte mich davor, dass ich Menschen kenne, die beatmet werden müssen, ich fürchte mich davor, selbst zu erkranken und dann zu Hause eingesperrt zu sein.

Die ganze Gewalt hat zugeschlagen, einen Menschen auf die Straße geworfen, einen Menschen niedergestreckt, im Staub. Er wird zertreten, er wird niedergeworfen, wird verhöhnt, die spöttischen Kommentare sind bitter und voller Verachtung.

„König der Juden“

„Ich finde keine Schuld an ihn – bestrafe ihn trotzdem“

Die Peitsche saust hernieder, blutige Striemen auf dem Rücken, alles in Echtzeit verfolgt, gestreamt, präsent, kommentiert. Der Verurteilte wird misshandelt. Wird gestraft, wird geschlagen und von der Macht, die schon gewonnen hat zu Boden gedrückt:

Da nahm Pilatus Jesus und ließ ihn geißeln. 2 Und die Soldaten flochten eine Krone aus Dornen und setzten sie auf sein Haupt und legten ihm ein Purpurgewand an 3 und traten zu ihm und sprachen: Sei gegrüßt, König der Juden!, und schlugen ihm ins Gesicht.

4 Und Pilatus ging wieder hinaus und sprach zu ihnen: Seht, ich führe ihn heraus zu euch, damit ihr erkennt, dass ich keine Schuld an ihm finde. 5 Da kam Jesus heraus und trug die Dornenkrone und das Purpurgewand. Und Pilatus spricht zu ihnen: Sehet, welch ein Mensch!

Die Bibel – Evangelium nach Johannes Kapitel 19

IV Welch ein Mensch!

Schwester Katja pflegt, ihr Hände schenken Liebe, ihre Augen machen Mut, auch wenn die Ärzt*innen unsicher vor den Monitoren stehen, auch wenn die Werte im Blut schlecht sind, auch wenn die Beatmung stottert. Schwester Katja schenkt ein Lächeln und Wärme – seht welch ein Mensch!

Jesus schweigt, Jesus tut nichts. Der Sohn Gottes, der, der Gott gleich sein soll, der, dem alle Macht gegeben sein soll – hat keine Macht. Er steht da, schweigt still, erlebt es, erträgt es, erleidet es. – Seht, welch ein Mensch!

Gott erlebt es, Gott erfährt es, Gott durchlebt es, Gott ist Mensch, nicht mehr, kein Mastermind mit Schaltpult. Gott ist Mensch, nicht weniger, eine*r, der*die liebt.

Foto: Heymann/privat

Eure Gebete, Bitten, Wünsche, Gedanken könnt ihr gerne in die Kommentare schreiben – bleibt mutig, menschlich und gesund! #NurMutFuerKassel

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