Mutgeschichte II – Sucht das Beste der Stadt

Ich liebe die Stadt, sie lebt, sie pulsiert, sie ist ein Dorf, sie ist ein Sammelsurium, sie ist Freiheit, sie ist Nähe und Ferne, sie ist kalt, sie ist warm, sie ist das ganze Leben. Ein Wimmelbuch voller Überraschungen, voll Wendungen und neuer Wege…

Foto: Amrit Susoff

Suchet der Stadt bestes, spricht der Prophet in längst versunkener Zeit!

Meine Kehle wird trocken, ich muss schlucken, merke den Druck in den Augen: Wo ist sie? Es ist leer, ziemlich still. Wo ist der Tisch mit den Eisenbahnschienen? Wo sind die Waggons? Wo de grüne Landschaft mit all den phantasievollen Ecken, Winkeln, mit Bahnhöfen, mit Häfen, mit Tunneln und mit Straßen? Wo ist der Spieltisch, wo die Kinder, die daran sitzen, übereinander kugeln, den Waggons Flügel verleihen und die die Achsen mit allen Sinnen schmecken? Wo ist das Spielzeug im Wartezimmer vom Kinderarzt? Und da soll ich das beste der Stadt suchen? Ich schaue aus dem Fenster und sehe: Leere, verwaiste Straßen, verrammelte Eiscafés, auf die die Sonne scheint. Wo soll es sein, das Beste der Stadt?

Foto: Amrit Susoff

Suchet der Stadt bestes – sprach ein Prophet in längst versunkener Zeit!

Mein Einkaufswagen gleitet vorbei an Regalen im Supermarkt. Leere. Die freundlichen Hinweisschilder „Mehr ist unterwegs“ sind irgendwie auch schon längst verlogen – hier geht es nicht um die eine Joghurtsorte, die heute halt abends um zwanzig vor sieben ausverkauft ist: Hier ist das Regal leer, wo sich Dose an Dose, Bouillon an Ravioli an Eintopf, an Grünkohl an Rotkraut an Pichelsteiner Eintopf reiht. Hier ist das Regal leer, wo Nudeln sich türmen, gerollt, gelockt, gezogen, gewunden, gebogen, gewalzt. Hier ist das Regal leer. Meine Kehle wird trocken, ich muss schlucken, merke den Druck in den Augen: Wird es ärger kommen? Habe ich alles? Was kaufe ich jetzt? Leere, wo Fülle herrschte, Leere, wo die Regale sich bogen. Mangel? Nicht wirklich. Aber mich haut es um, mir macht es Angst, es fehlt eigentlich nichts, aber wie soll ich das Beste der Stadt finden, wenn ich Angst habe, dass es schlimmer kommt?

Suchet der Stadt bestes – steht geschrieben auf altem Papier

Mal wieder bin ich unterwegs, die Treppe runter, Rucksack geschultert, eine Liste in der Hosentasche, eine Liste im Kopf, so lang, dass ich sicher etwas vergessen werde. Eine Liste voll mit Lebensmitteln – Gurken, Reis, Haferflocken, Käse, Schinken, Honig, Butter, Milch, Hefe (gibt’s die wieder?)…. – und die Sorge, knarrt irgendwo ein Schlüssel? Begegne ich jemanden im engen Treppenhaus? Wir schreiben fröhlich-freundlich via WhatsApp im Haus, aber begegnen wollen wir uns lieber nicht im dunklen kalten Flur. Hab ich den Ausweis dabei, keine Pflicht, aber angeraten, bin zwar allein unterwegs, aber trotzdem. Ich gehe die Treppe hinunter und meine Augen bleiben hängen:

Foto: Tobias Heymann

Gibt es ein Problem in deinem Leben? Nein? Dann musst dir auch keine Sorgen machen.

Gibt es ein Problem in deinem Leben? Ja? Kannst du denn was dagegen tun? Ja? Dann musst du dir auch keine Sorgen machen.

Du kannst nichts dagegen tun? Dann musst du dir erst recht keine Sorgen machen! (Denn wem hilft das?)

Stille Post im Treppenhaus – Mutzeichen – Der Stadt Bestes!

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