Sonntagsgedanken – 22. März 2020

I Ankommen

Mein Sohn rennt los, kaum zu halten, ein blauer Overall mit grüngestreifter Mütze wackelt durch den Flur los, kaum zu halten. Eigentlich will ich ihn sofort in die Arme schließen und er streckt sich mir entgegen. Nein! Halt! Bleib stehen und rühr mich nicht an! Zunächst Hände, Gesicht, Mund auf Abstand halten. Ich öffne die Schuhe, ziehe sie ihm aus, ich hänge den Overall an die Garderobe. Natürlich entwischt mir mein Sohn schon wieder und rennt los gen Spielzeugkiste, sofort Abmarsch in den Einkaufsladen im Kinderzimmer: Halt! Stopp, du, mein Lieber, bist noch nicht durchgeschleust! Zurück in den Flur und, bevor du hier irgendwas anfasst: Erstmal Händewaschen, warmes Wasser, zwanzig Sekunden, Seife, zwanzig Sekunden, warmes Wasser, zwanzig Sekunden, Abtrocknen. Dann darfst du los, mein Kind, und spielen. Mein Sohn will aber kuscheln… Wart es ab – bitte, ich muss auch meine Hände waschen: Warmes Wasser, zwanzig Sekunden, Seife, zwanzig Sekunden, warmes Wasser, zwanzig Sekunden, Abtrocknen.

Unser Flur ist zur Schleuse geworden. 

II Leere

Ein kaltfeuchter Lufthauch geht durch die zarten Knospen der Bäume, kein Laub, das die erste Frühlingsluft irgendwie aufhalten könnte. Das Gras ist kalt und feucht, der Duft von Erde steigt in die Nase von Maria. Das Leben erwacht, kaum zu überhören: die Vögel mit ihren Tönen haben Kraft, sind unüberhörbar laut in einer Zeit, in der das Leben still steht. Würde sie doch wenigstens die Namen derjenigen kennen, die da in schönster Tonvielfalt singen: Tririri, tschirpi, wie, hui hui, uhuuhu…. Aber Maria steht der Sinn nicht danach: Das Leben ist am Ende, die Natur atmet auf, blüht auf. Frühling, aber Maria denkt an das, was war, früher: sie haben die Kleider auf den Boden geworfen, sie haben sich in den Armen gelegen, laut gerufen, gesungen, gefeiert, aus einem Becher getrunken. Die Bilder sind so fremd, sie rauschen zu schnell durch ihren Kopf. Sie ist am Ende, den, den sie noch berührt hat, mit Öl, liebkost hat, der ist weg, rührt sie nicht an. Tot, Gott ist tot, so heißt es, Gott ist am Ende, die Welt steht still. Maria schreit ihre Wut und Tränen in die Welt hinaus, in das Grab hinein.

III Begegnung

Doch das Grab ist leer, die Leiche ist weg.

Die Bibel – Evangelium nach Johannes Kapitel 20 Verse 14-17a

14 Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist. 15 Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir: Wo hast du ihn hingelegt? Dann will ich ihn holen. 16 Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister!

17 Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an!

IV Anrührend

Ich laufe, endlich mal wieder, lasse die Luft mir ins Gesicht wehen – Frühling, Licht, Lebensfreude, Kälte, abgesperrte Parks und leere Straßen. Hier und da ein Spaziergänger, eine Familie mit einem Kind im Park. Einsamkeit an einem Donnerstag Nachmittag im dichtbesiedeltsten Stadtteil Kassels. Eine Steigung, enge Straße, knorrige Äste ragen auf den Bürgersteig, ein Mann kommt mir entgegen, rote Baumwolljacke, schwarze Jeans, Hornbrille, Dreitagebart. Kurz schaut er von seinem Smartphone auf – was machen wir jetzt? Der Bürgersteig ist zu schmal um aneinander sicher vorbei zu kommen. Er weicht in die Büsche aus, ich auf die Straße. Unsere Blick kreuzen sich. Für einen Moment. Wir strahlen, lächeln, Lebensfreude strahlt aus unseren Augen, rühren uns nicht an.


Fürbittengebet

Ein*e Jede*r ist eingeladen im Kommentar unter diesen Sonntagsgedanken sein*ihr Gebetsanliegen zu schreiben!

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